Nun also die Frauenkirche in Dresden. Nach (Vorsicht, Trigger) Zigeuner-Soße und (Vorsicht, Trigger) Mohren-Apotheke und Mohren-Kopf vom Konditor soll dem Dresdener Wahrzeichen ein neuer, gendergerechter (so ein Wort muss man in dem Zusammenhang nicht in Tüdelchen setzen, um Distanz zu signalisieren) Name aufgedrückt werden. Seit dem 16. Oktober soll eine Petition gezeichnet werden, die zur „Reduktion geschlechtsbezogener Exklusion und zur normativen Angleichung an zeitgemäße Diversitäts-, Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsstandards“ beitragen soll, wie es sperrig zur Petition heißt. Die Bezeichnung „Frauenkirche“ solle in die geschlechterneutrale und inklusionsorientierte Form „FrauenMannDiverskirche“ überführt werden. Das sei eine symbolisch-performative Maßnahme, „die soziale Sichtbarkeit erweitert, semantische Exklusionsmechanismen abbaut und institutionelle Identität mit verfassungs-, menschenrechts- und gleichstellungspolitischen Leitbildern harmonisiert.“ Was man – nach tiefster Überzeugung der Petenten – nicht alles mit dem bloßen Auswechseln eines Namens erreichen kann. 14 Personen haben die Petition bereits gezeichnet. Ob die Mutter des Urhebers dabei ist? Wer weiß. 100 Unterschriften sind als Sammelziel angegeben. Das ist nicht viel. Vielleicht ist das Ganze doch eher satirisch gemeint, als „symbolisch-performativ“.
In der DDR galt die Ruine der Kirche als ein Symbol, das zum Frieden mahnen sollte. Denkmalschützer nahmen das zur Kenntnis. Hielten aber nicht mit der Einschätzung hinter dem Berg, dass die Überreste des Gotteshauses besser dokumentiert seien als die der Semper-Oper. Dass also die Kirche leichter wiederherzustellen sei, als das Opernhaus. Partei- und Staatsführung wollten das eine – die ewige Ruine eines Gotteshauses und den Wiederaufbau der Oper, die 1985 mit der ersten deutschen Nationaloper „Der Freischütz“ wiedereröffnet wurde. Es war dies zugleich ein Rückgriff auf die Nazi-Zeit. 1944 war die Oper zur Schließung des Hauses aufgeführt worden. Es brauchte eine bürgerliche Initiative und Jahre nach der Wende, um die nahebei liegende Kirche wiedererstehen zu lassen.
Man wird den Gedanken nicht los, das all die angestrebten Umbenennungen, um vorgeblich mehr Gerechtigkeit für wen auch immer zu erreichen, nichts anderes sind, als ein großes soziales Experiment. Wie weit kann man es treiben, wie viel,Initiative braucht man, um ein abwegiges Ziel zu erreichen. Sozusagen ein Milbram-Test, nur ohne Stromschlag.
In Erfurt wurde eine jahrelange Initiative losgetreten, um das Nettelbeck-Ufer umzubenennen. Hauptargument zur Umbenennung: Joachim Nettelbeck war als Elf-Jähriger auf einem Sklavenschiff gefahren, auf das er sich in Amsterdam. Auch machte man sich öffentlich Gedanken, wie mit dem Buren-Haus auf der Bahnhofstraße zu Ecke Juri-Gagarin-Ring zu verfahren sei. Dekolonisierer stören sich daran, dass der Bauherr in einer Burenbegeisterung an der Fassade des Hauses Repräsentanten der Buren – der weißen Kolonisatoren Südafrikas – mit Reliefs verewigen ließ. Die Buren seien zwar von den Briten unterdrückt worden, doch sei ihr Bestreben, eine eigene Nation im Süden Afrikas zu schaffen, rassistisch gegen die Ureinwohner kontextualisiert. In Eisenberg wird dem traditionellen Mohrenfest alljährlich im Juni Rassismus unterstellt. Forderungen, das Fest umzubenennen sind gang und gäbe. In Kiel betreibt ein Afro-Deutscher ein Restaurant „Zum Mohrenkopf“. Zu viel Zufall für Antirassisten, die erstmals vor etwa fünf Jahren in einem Gespräch den Chef überzeugen wollten, er müsse das Lokal umbenennen. Als sich der Mann als Chef zu erkennen gab, erntetet er Unglauben. Er hielt am Namen seines Lokals fest. Zum einen, weil er sich nicht von Weißen vorschreiben lassen wollte, wann er sich rassistisch beleidigt zu fühlen habe, zum anderen, weil seiner Kenntnis nach von jeher ein Mohrenkopf im Aushang ein Zeichen für eine gute Küche gewesen sei. Mohren-Apotheken, deren Chefs gedrängt werden, sich andere Namen zu suchen, finden sich allerorten.
Nun also Kirchen. Die Dresdener Frauen-Kirche ist die erste, der eine Umbenennung angetragen wird. In München steht die nicht weniger berühmte Liebfrauenkirche-Kirche. In Thüringen sind es über ein Dutzend, die in ihrem Patrozinium Männer exkludieren. In Bayern sind es weit über achtzig. Seit Jahrhunderten. Es sind katholische Kirchen wie auch evangelische. Da wäre viel Raum für erfolglose Petitionen. Kleiner Tipp. Im SPD-regierten Saarland sind es nach grober Zählung nur zwei. Da wäre die Anstrengung nicht so groß, alles noch zum Guten zu wenden. Mitten in Saarbrücken steht erst seit 1959 die Pfarrkirche Maria Königin. Dagegen vorzugehen gäbe zugleich den antifeudalistischen, antiroyalistischen Bestrebungen in Deutschland einen ungemeinen Aufschwung.